Von der Krisenbewältigung zum vorausschauenden Handeln

Rückkehr zur „neuen Normalität“ oder nachhaltiger Perspektivwechsel? Wie schaffen wir es, uns vorausschauend Zukunft zu gestalten?

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Bild Paper Craft Mountains And Sea Landscape

Inzwischen hat die globale Krise wirklich alle erreicht. Das Leben jedes Einzelnen und jedes Unternehmen sind betroffen. Viele sind immer noch von der Geschwindigkeit wechselnder Nachrichten und der Vielfalt möglicher Reaktionen überwältigt. Zuversichtliche ZeitgenossInnen dagegen haben schon in der kollektiven Krisenbekämpfung vom Frühjahr 2020 Belege für die Fähigkeit großer Gruppen zu schnellen und dennoch radikalen Veränderungen gesehen – Veränderungen, die auf wissenschaftlich begründeter Antizipation und einem Vorrang von Werten der Solidarität und multilateraler Politik vor kurzlebigen Interessen beruhen. Werden diese Veränderungen aber auch dazu beitragen, über den Tag hinaus vorausschauend „unsere gemeinsame Zukunft“ (so der Titel des Brundtlandberichts 1987 der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen) zu gestalten?

Managerinnen und Manager sind sich aus früheren Krisen bewusst, dass sowohl neue Chancen und Gewinne, aber auch große Verluste von Marktanteilen in Phasen des wirtschaftlichen Abschwungs entstehen – weit mehr als in Phasen des Wachstums. Viele wissen auch, dass diese Verluste und Gewinne die akute Krisensituation in der Regel überdauern, und dass Innovation die beste Impfung gegen eine solche Krise ist. Einige vermuten, dass veränderte Wünsche und neu sortierte Werte der Kunden von heute die Geschäftsmodelle von morgen bestimmen, und erproben neue Wege für eine nachhaltigkeitsorientierte Erneuerung ihrer Unternehmen.

Die Kundensicht

Auch Kundinnen und Kunden nutzen die Krise, um ihre Routinen zu überprüfen und Vorurteile über Bord zu werfen. Zurückgeworfen in die eigenen vier Wände, reflektieren viele neu, was für sie wichtig ist, und was ihnen angesichts von Kontaktbeschränkungen und einem ins Virtuelle verflüchtigten, sozialen und kulturellen Leben am meisten fehlt. Obwohl einige noch versuchen, die Zeit zurückzudrehen und böse Mächte hinter der Situation zu vermuten, gehen viele kreativ mit der Krise um, die nicht zuletzt auch unsere Bereitschaft zur Veränderung und Innovation fördert.

Die Sicht der SozialforscherInnen

Die Sozial- und die Marktforschung weisen darauf hin, dass die aus der Pandemie resultierenden Veränderungen des Verhaltens und der Werte schwierig zu erkennen sind. Ethnographische Feldforschung und empirisch fundierte Interpretation sind erforderlich, um Handlungsmuster zu erkennen und deren Beweggründe zu verstehen: Welche zuvor schwachen Signale werden jetzt zum Mainstream? Welche neuen Verhaltensweisen und Werte entstehen, die zu einer Abwertung von für selbstverständlich gehaltenen Routinen führen und die Einführung von Innovationen vorantreiben? Und welche Erkenntnisse lassen sich aus der neuen Wertschätzung dessen ableiten, was uns am meisten gefehlt hat?

Jenseits der neuen Normalität

Bereits nach der ersten Welle der Pandemie in Europa sehnten sich viele nach einer schnellen Rückkehr zu dem, was als „neue Normalität“ bezeichnet wurde – ein Zustand ähnlich dem vor der Krise, nur mit ein paar vorläufigen, aber akzeptablen Nachteilen. Wir müssen jedoch nicht nur einen Schritt zurücktreten, um wieder sehen zu können, was uns wichtig ist. Wir müssen uns auch vor dem Kurzschluss bewahren, die Notwendigkeit zur Veränderung und die Möglichkeiten zur Innovation nur im Rahmen der aktuellen Krise und ihrer Bewältigung zu suchen. Die folgende Gegenüberstellung akzentuiert den Unterschied zwischen einem Modus der Krisenbewältigung und der gemeinsamen Sorge um eine wünschenswerte Zukunft.

Tatsächlich sind Bewältigung und Vorausscheu keine Alternativen, wie die Tabelle nahezulegen scheint. Stattdessen verweist unser Umgang mit Krisen bereits auf die Art, wie wir Zukunft gestalten – und eine vorausschauende Gestaltung beinhaltet antizipiert auch zukünftige Krisen. Soweit dieser Einsicht dieses Beitrag vom Frühjahr 2020 – leider mussten wir im folgenden Herbst schmerzhaft erfahren, dass die aus der ersten Welle der Pandemie gezogenen Lehren nicht hinreichend für eine vorausschauende Vermeidung der zweiten Welle waren.

Vom Modus der Krisenbewältigung zur vorausschauenden Sorge um unsere gemeinsame Zukunft

Mit dem Thema („Innovating our common future“) der Jahreskonferenz der „internationalen Gesellschaft für professionelles Innovationsmanagement“ (ISPIM 2021) in Berlin, fragen wir nach den Vorstellungen des Wünschenswerten, die unsere Innovationsvorhaben leiten. Wertebasierte und nachhaltigkeitsorientierte Innovation sind die zentralen Themen, zu denen wir mit über 600 TeilnehmerInnen aus Theorie und Praxis, mit Innovatoren und Entrepreneurinnen diskutieren wollen.

Neue Fragestellungen und Herausforderungen


Wie können wir auf dem Weg von der Bewältigung zur Vorausschau zugleich wirtschaftlich, sozial und ökologisch nachhaltig wirtschaften? Wie können wir mit neuen Geschäftsmodellen erfolgreich sein, die eine nachhaltige Entwicklung fördern (einige vorbildliche Beispiele und Gestaltungsmuster finden sich hier)? Wie können wir Vorstellungen des Wünschenswerten und neue Prioritäten als Leitlinien und Heuristik für die Entwicklung und Bewertung von Ideen und die Ausgestaltung von Innovationen nutzen? Und wie können wir VertreterInnen unterschiedlicher Anspruchsgruppen an Innovationsvorhaben beteiligen? Online oder offline, im Ausblick über die neue Normalität hinaus, sind Ihre Ideen und Beiträge zur ISPIM Konferenz und den begleitenden Veranstaltungen herzlich willkommen. Sind Sie dabei?

Henning Breuer | Innovation Consultant UXBerlin

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